Interner Workshop · Interkomm Waldviertel

Leerstand als Chance!

Erheben, mobilisieren, vermarkten — Zusammenfassung des Workshops für die Stadtgemeinde Heidenreichstein

📅 Mittwoch, 1. Juli 2026, 18:00–20:30 Uhr 📍 Einsatzzentrale Heidenreichstein 🎤 Josef Wallenberger (Wallenberger & Linhard Regionalberatung)

Anlass & Rahmen

Auf Einladung von GR Mario Perathoner (Ausschuss-Obmann für Wirtschaft, Leerstandsmanagement & Wohnen Projekt 4.000) trafen sich Gemeinde- und Stadträte von Heidenreichstein zu einem Startschuss-Workshop: Leerstand soll strategisch und langfristig in der Stadtentwicklung verankert werden — mit klaren Strukturen und Verantwortlichkeiten.

Finanzierung
Verein Interkomm Waldviertel (65 Gemeinden), kostenlos
Zielgruppe
Gemeinde- & Stadträte Heidenreichstein
Referent
Josef Wallenberger, Regionalberatung Horn
Infos
wohnen-im-waldviertel.at/interkomm
Ziel des Abends: Bewusstsein für Leerstand als Chance schärfen, Grundlagen & Strukturen innerhalb der Gemeinde schaffen, Verantwortlichkeiten festlegen — und Beispiele kennenlernen, wie Leerstand wiedergenutzt und mobilisiert werden kann.

Aufbau des Abends (laut Referent)

Zum Einstieg stellten sich alle Teilnehmenden kurz vor — Gemeinde- und Stadträt:innen aus allen Katastralgemeinden, dazu Wirtschaft (Druckerei, Handel, Landwirtschaft/Genossenschaft), eine Forschungsgruppe zu altersgerechtem Wohnen in Heidenreichstein, sowie ein Foto-/Filmproduzent, der das Potenzial von KI für die visuelle Vermarktung von Leerstand einbrachte.

Stimmen aus der Vorstellungsrunde

Zentrale Botschaft des Referenten: „Das ist kein Thema für Bürgermeister oder Ausschuss allein — das ist ein Gemeinschafts- und Querschnittsthema." Jede:r im Raum ist wirkmächtig: durch eigene Objekte, private Kontakte oder einfach dadurch, dranzubleiben.

Ausgangslage: Bevölkerungsentwicklung

📊 Live-Umfrage im Saal

Der Referent ließ die Teilnehmenden interaktiv abstimmen: „Wie stark betrifft das Thema Leerstand unsere Gemeinde?" und „Wie aktiv ist die Gemeinde beim Thema bereits?"

Ergebnis: Die Betroffenheit wird hoch eingeschätzt — die tatsächlich gesetzten Aktivitäten hinken der Wahrnehmung aber hinterher. Ohne zusätzliches Handeln, so die Prognose, bleibt Leerstand in 5 Jahren mindestens gleich hoch, eher steigend.

Die Datengrundlage (Statistik Austria) zeigt den Handlungsdruck auch zahlenmäßig deutlich: Heidenreichstein und fast alle Ortschaften der Gemeinde verlieren seit Jahrzehnten kontinuierlich Bevölkerung.

Bevölkerung Heidenreichstein (Hauptort)

1991
3.063
2001
2.873
2011
2.544
2021
2.481
2025
2.405

Veränderung 2011–2025: −139 Einwohner. Nur die Ortschaft Wolfsegg wuchs im selben Zeitraum leicht (+6), alle anderen Ortschaften der Gemeinde sind rückläufig (u.a. Altmanns −54, Motten −30, Kleinpertholz/Guttenbrunn je −20).

Wanderungs- & Geburtenbilanz 2009–2024 (kumuliert)

Wanderungssaldo
−39 (3.006 Zuzüge / 3.045 Wegzüge)
Geburtenbilanz
−393 (433 Geboren / 826 Gestorben)
Kernproblem: Der Sterbeüberschuss (fast doppelt so viele Sterbefälle wie Geburten) ist der Haupttreiber des Bevölkerungsrückgangs — nicht in erster Linie die Wanderungsbilanz, die annähernd ausgeglichen ist. Das erklärt auch den sichtbar "kopflastigen" Altersbaum der Gemeinde.

Ein aktuelles Jahr im Detail: 102 Zuzüge / 104 Wegzüge (Saldo −12), Geburtenbilanz −31, dazu 11 Eheschließungen gegenüber 7 Scheidungen — eine der wenigen positiven Kennzahlen des Abends.

Trendwende: Warum ziehen Menschen wieder aufs Land?

Ruhige Dorfstraße im Waldviertel

Trotz der demografischen Zahlen sieht der Referent eine Renaissance des Landlebens — nach Jahrzehnten der Abwanderung in Städte. Genannte Gründe:

Pendlerdistanz hat sich verdoppelt

In den 1970ern lag die tolerierte Pendeldistanz bei ca. 20 Minuten — heute akzeptieren die meisten Menschen im Schnitt 45 Minuten in eine Richtung. Das vergrößert den Einzugsbereich, aus dem Heidenreichstein Bewohner:innen halten oder gewinnen kann, deutlich — auch ohne lokale Arbeitsplätze.

Homeoffice — zwiespältiger Effekt: Glasfaseranschluss hält vereinzelt Menschen am Ort. Aber es gibt auch einen Kehreffekt: Zugezogene arbeiten oft weiterhin für Firmen in Wien oder im Ausland — das erzeugt zusätzliche Konkurrenz um Arbeitskräfte, statt sie den lokalen Betrieben zuzuführen.

🚌 Mobilität als Standortfaktor

Die Achse Krems–Rastenfeld hat von besserer Erreichbarkeit spürbar profitiert. Geplant ist ein integriertes Ticketing, das Hauptstrecken mit einem bedarfsorientierten Sammeltaxi für die "letzte Meile" kombiniert — soll die Anbindung der Ortschaften verbessern.

Was ist eigentlich „Leerstand"?

Leerstehendes Haus mit Potenzial

Die Definitionsfrage nahm im Workshop breiten Raum ein. Ergebnis: Leerstand ist kein Ja/Nein, sondern eine Bandbreite.

Arbeitsdefinition: Bebaute oder unbebaute Immobilien, die nicht genutzt ODER wenig genutzt sind (z.B. nur das Erdgeschoß in Verwendung, das Potenzial der oberen Geschoße bleibt ungenutzt).

Der finanzielle Hebel: Hauptwohnsitz zählt bares Geld

Jeder gemeldete Hauptwohnsitz bringt der Gemeinde über den Finanzausgleich rechnerisch rund 1.000 € — nach Abzug von Gesundheits- und Sozialkosten (~60%) bleiben der Gemeinde davon netto etwa 400 € an frei verfügbaren Mitteln. Leerstand ist damit nicht nur ein städtebauliches, sondern ein direktes Finanzthema der Gemeindeautonomie.

Die Geschichte von der Katze

Eine ältere Eigentümerin lehnte jeden Verkauf ihres Hauses ab — der Grund war nicht Geld oder Verhandlung, sondern ihre Katze: "Solange die Katze lebt, wird das Haus nicht verkauft." Erst nach dem Tod der Katze (und kurz danach der Eigentümerin) wurde das vorbereitete Projekt möglich.

Der Referent nutzt die Anekdote als Mahnung: Gründe für Nicht-Verfügbarkeit sind oft emotional oder irrational (aber legitim) — dazu kommen handfeste Gründe wie steuerlich geltend gemachte Renovierungskosten, die eine Mindesthaltedauer erzwingen. Mobilisierung gelingt nur über Geduld und persönliche Beziehung, nicht über einmalige Kampagnen.

Die 4 strategischen Handlungsfelder

Grundhaltung: „Jeder Leerstand bietet auch eine Chance, dass etwas Neues entstehen kann." Statt in der negativen Abwärtsspirale zu verharren, soll bewusst das Potenzial jedes Objekts in den Blick genommen werden.

1. Grundlagen schaffen

Erheben, was an Leerstand existiert: verfügbar oder nicht, Größe, Bedingungen, Gründe der Nicht-Verfügbarkeit. Diese systematische Grundlage fehlt in Heidenreichstein bisher.

2. Vermarktung / Bewerbung

Bestehende Reichweite nutzen — das Portal "Wohnen im Waldviertel" hat rund 35.000 Zugriffe im Monat. Auch den Standort selbst bewerben, nicht nur einzelne Objekte.

3. Mobilisieren

Die schwierigste Disziplin: unentschlossene Eigentümer:innen face-to-face gewinnen. Kein Marketing-Thema, sondern persönliche Beziehungsarbeit — genau hier liegt die Stärke einer kleinen, gut vernetzten Gemeinde.

4. Projekte entwickeln & unterstützen

Die Gemeinde kann größere Objekte, die eine einzelne Familie nicht stemmen kann, mit Eigentümer:innen, Bauträgern und Fördermitteln zusammenbringen — inkl. Modellen wie "Wohnen am Bauernhof" (Landwirt:innen vermieten ungenutzte Hofgebäude, bleiben Eigentümer, generieren Einkommen).

Überraschende Erkenntnis des Abends: Heidenreichstein führt bereits eine Leerstands-Datenbank mit 28 erfassten Objekten — sie ist nur kaum bekannt und wird zu wenig als Vermarktungs-Werkzeug genutzt. Handlungsfeld 1 ist also nicht bei null, sondern bei "aktivieren, was schon da ist".

Digitale Werkzeuge

🏠 Portal „Wohnen im Waldviertel"

Regionale Immobilienplattform (wohnen-im-waldviertel.at) mit Filtermöglichkeit nach Gemeinde/Bezirk — zeigt am Beispiel Heidenreichstein bereits gelistete Objekte, z.B. ein Einfamilienhaus in Waldrandlage (249.000 €, 130 m²), eine Wohnung im Zentrum (67 m², 3 Zimmer) und ein Familienhaus mit Garten (189.000 €, 135 m²). Gemeinden können sich als "Meine Gemeinde" festlegen und einen Suchassistenten aktivieren.

🗺️ Dashboard „Bodenverbrauch & Flächenversiegelung" (SOIL WALKS)

Ein vom Umweltbundesamt bereitgestelltes Dashboard im Rahmen des Projekts SOIL WALKS visualisiert Bodenverbrauch und Flächenversiegelung kartenbasiert — direkter Bezug zum Thema Leerstand: jede reaktivierte Bestandsimmobilie spart Neuversiegelung.

💡 Idee aus der Diskussion: über Wohnen hinausdenken

Ein Vorschlag aus der Runde: Leerstand nicht nur als klassisches Einfamilienhaus oder Wohnung begreifen, sondern auch als Wirtschafts- und Werbefläche — z.B. kombinierte Nutzungen mit Ausstellungs-/Werbeflächen (etwa für Fahrzeuge) oder als Standort für Unternehmer:innen, die einen temporären oder projektbezogenen Raum suchen. Wer nach passenden Flächen sucht, weiß oft schlicht nicht, dass es sie gibt.

Es passiert schon: Beispiele direkt aus Heidenreichstein

Restaurierung einer historischen Holztür

In der Diskussion kamen spontan bereits gelungene lokale Beispiele zur Sprache — ein gutes Zeichen, dass Reaktivierung hier längst nicht bei null beginnt:

Konsens im Raum: Man unterschätzt oft die eigenen, lokalen Erfolgsbeispiele — gerade sie überzeugen unentschlossene Eigentümer:innen glaubwürdiger als weit entfernte Referenzen.

Weitere Inspiration von außerhalb

Referent Josef Wallenberger zeigte anhand realer Projekte im Waldviertel und darüber hinaus, wie unterschiedlich Reaktivierung aussehen kann:

Großpertholz — Künstlerhaus

Ehemaliges Pfarrhaus im "Messie"-Zustand von zwei Frauen aus Bregenz gekauft, die das Potenzial erkannten. Über einen Blog bekannt geworden — heute Vorzeigebeispiel für Zuzug ins Waldviertel.

Coworking-Space in altem Gebäude

Zwettl — Frauen-Coworking

Leerstehendes 400 m²-Textilgeschäft zu Working Space für Frauen umgenutzt (Büros, Praxisräume), mit Vorzugsfinanzierung der Raiffeisenbank. Heute hohe Auslastung.

Schwarzenau — Mehrgenerationenhaus

Altes Ehepaar-Haus nach Nachlass zu drei Wohneinheiten umgebaut — zwei vermietet, eine selbst genutzt. Modell für "Wohnen im Alter".

Silo-Rückbau

Privat finanzierter Rückbau eines ungenutzten landwirtschaftlichen Silos — die Fläche wurde neu nutzbar gemacht, obwohl sich der Rückbau rechnerisch kaum "auszahlte".

Nähe Rastenfeld — Hotel & Gastronomie

Landwirtschaftliches Objekt mit Schuldenlast, revitalisiert zu Hotel/Gastronomie. Erfolgsfaktor: ein Investor und ein Betreiber mit Vision — "groß denken" zahlt sich aus.

Gföhl — Escape Room

Temporäre, kreative Zwischennutzung eines Leerstands. Zeigt: auch befristete Konzepte können Leerstand sinnvoll überbrücken.

Waidhofen/Ybbs — Handelszone

Ehemaliges Geschäft mitten in der Einkaufsstraße zur Kinderbetreuung umgenutzt — bringt neue Frequenz ins Zentrum.

Weitra — Altes Bahnhofsgebäude

In Gemeinde-Eigenregie (teils Professionisten, teils Eigenleistung) saniert — innerhalb weniger Wochen hochattraktiv vermietet. Ruhige Lage als Standortvorteil.

Leitprinzip: "Nicht kopieren, sondern die Prinzipien dahinter kapieren." Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte — entscheidend ist, früh zu erkennen, welche Objekte realistisches Potenzial haben.

Gruppenarbeit vor Ort

Die Teilnehmenden erhoben in drei Tischgruppen gemeinsam erste Leerstand-Objekte in Heidenreichstein — pro Objekt wurde notiert: Größe, Verfügbarkeit (aktuell verfügbar / verfügbar ab ca. X Jahren / nicht verfügbar) und eine kurze Beschreibung. Jede Gruppe stellte anschließend ein Beispiel aus ihrer Erhebung im Plenum vor.

„Ich möchte gerne eine Hausaufgabe an den Ausschuss vergeben: das, was schon da ist, gemeinsam durcharbeiten." — Josef Wallenberger

Nächste Schritte

Auswertung der Gruppenergebnisse

Der Referent sammelt die vor Ort erhobenen Objekte und wertet sie aus.

Zweiter Workshop (kostenlos, via Interkomm)

Gemeinsame Bewertung der Objekte, Identifikation von Schlüsselobjekten zur Priorisierung.

Interne Karte & Gewichtung

Erstellung einer internen Übersicht mit grober Priorisierung der wichtigsten Leerstands-Objekte in Heidenreichstein.

Strukturen & Verantwortlichkeiten

Verankerung des Themas als feste Aufgabe innerhalb der Gemeindearbeit (Ausschuss Wirtschaft, Leerstandsmanagement & Wohnen).